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Der leise Revolutionär: Prof. Dr. Robert L. Morris (1942–2004) GERD H.
HÖVELMANN & FRIEDERIKE SCHRIEVER1
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Robert L. Morris, Koestler-Professor für Parapsychologie an der Universität
Edinburgh, ist, gerade 62 Jahre alt, am 12. August dieses Jahres infolge einer
nächtlichen Herzattacke gestorben. Noch wenige Tage vor seinem Tod hatten seine
Kollegen ihn ganz unbeschwert, diskussionsfreudig, voller Pläne und offenbar
besonders guter Dinge während der Jahrestagung der Parapsychological Association
an der Universität Wien erlebt. Die Parapsychologie verliert mit Bob Morris
ihren zweifelsohne einflussreichsten akademischen Repräsentanten während der
vergangenen zwanzig Jahre. Und weit mehr als das. Der Umstand, dass die Fahnen
auf sämtlichen über die Stadt verteilten Gebäuden der Universität Edinburgh am
Tage der Trauerfeier für Robert Morris, dem 19. August, auf halbmast geflaggt
waren, bezeugt, dass auch die britische Wissenschaft sich des Verlustes eines
ihrer besonders prominenten Vertreter bewusst ist. Beide Autoren kannten Bob Morris seit langem und waren mit ihm befreundet, G.H.H. schon seit den späten siebziger Jahren, F.S. seit der Jahrestagung der Parapsychological Association, die Morris 1987 an der Universität Edinburgh ausrichtete. Bob hatte uns beiden unabhängig voneinander angeboten, für längere Zeit nach Edinburgh zu kommen, um unsere wissenschaftlichen Arbeiten dort fortzusetzen. In beiden Fällen ließ sich dies aus privaten Gründen dann doch jeweils nicht realisieren. Schon vor Bobs Übernahme der Koestler-Professur, und zumal danach, hat es jedoch immer wieder neue Ansätze und Gelegenheiten zu Diskussion und Zusammenarbeit verschiedenster Art gegeben. So hatten im Mai 1984 der Präsident der Universität Marburg und Prof. John Prucha, der Vize-Kanzler der Syracuse University, ein Abkommen unterzeichnet, das den Austausch von Wissenschaftlern und Studenten beider Universitäten vorsah. Nur einen Monat später schlug Bob einen Forschungsaufenthalt von G.H.H., seinerzeit wissenschaftlicher Mitarbeit an der Universität Marburg, in seinem Labor an der Syracuse University vor. Mit Prof. Prucha habe er das schon besprochen: "Vice Chancellor Prucha knows well of our laboratory's existence and is supportive of solid research that blends the sciences and humanities" (Brief Morris an Hövelmann, 27. Juni 1984). Pläne für einen mehrmonatigen Aufenthalt wurden entsprechend für das folgende Jahr geschmiedet. Sie scheiterten letztlich nur an Bobs Berufung auf den Koestler-Lehrstuhl im Frühjahr 1985. Bei Tagungen der Parapsychological Association und der Parapsychology Foundation sowie während Bobs recht häufigen Aufenthalten in Deutschland nach 1985 (u.a. in Freiburg und Berlin) gab es zusätzlich zu den brieflichen immer wieder auch enge persönliche Kontakte. Die ersten drei Tagungen der sog. EURO-PA, der europäischen Mitglieder der Parapsychological Association, in Vught (NL) 1988 und 1989 sowie bei Paris 1990 haben Bob und G.H.H. in Zusammenarbeit mit Hans Michels (Eindhoven) und in letzterem Fall mit Mario Varvoglis (Paris) organisiert. Eine
stille Revolution... Schon einige Wochen vor Antritt seiner Koestler-Professur hat Morris in einem Beitrag mit dem Titel "What I shall do with the Koestler Chair" im britischen Wissenschaftsmagazin New Scientist vom 5. September 1985 (Morris 1985) seine Pläne für die Aufgaben des neuen Lehrstuhls skizziert. Zunächst versucht er dort, seiner Leserschaft – dem britischen Wissenschafts-Establishment, das seiner Übernahme des begreiflicherweise nicht unumstrittenen neuen Lehrstuhls eher argwöhnisch harrt – sowohl den Gegenstandsbereich der Parapsychologie als auch den Forschungsbedarf, wie er sich ihm darstellt, kurz zu erläutern: |
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Dies sind nur sechs Sätze, aber schon sie leisten angesichts des
angesprochenen Publikums Beachtliches: Sie definieren in unprätentiösen, klaren
Worten, die jedem wissenschaftlich Gebildeten eingängig sind, den
Gegenstandsbereich der Parapsychologie und erläutern zugleich eine
Problemstellung, die interdisziplinärer Forschungsbemühung bedarf. Morris
skizziert zudem die Tradition, in der er steht, und den Diskussionsstand
innerhalb der Parapsychological Association, deren Präsident er in jenem Jahr
ist. Dass "skepticism" als eine der Haltungen, die innerhalb einer seriös
verstandenen Parapsychologie legitim beheimatet sind, als erstes Erwähnung
findet, ist ebenso wenig zufällig, wie der Umstand, dass Morris sich selbst –
zweifellos zutreffend – als "agnostic" bezeichnet, der deswegen aber nicht auf
eigene Forschungsvermutungen zu verzichten braucht. Nichts ist hier zu finden
von dem Odium des Obskuren, das so oft die Diskussionen der sach- und
literaturunkundigen wissenschaftlichen Welt bestimmt und das viele der
wissenschaftlichen Leser dieses Textes von einem neuen Professor für
Parapsychologie erwartet bis befürchtet haben werden. Und Morris schickt sich
sogleich an, systematische forschungspraktische Perspektiven zu entwickeln.
Dabei ist seine Botschaft weitaus "normalwissenschaftlicher" als die meisten
seiner Leser haben kommen sehen: |
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All
jenen, die das schlagzeilenträchtige Verfahren der Vergabe des
Koestler-Nachlasses und der Besetzung des Lehrstuhls bislang eher argwöhnisch
und misstrauisch bis missgünstig verfolgt haben, gibt er – mitnichten defensiv
gestimmt – zu verstehen: |
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Dieser knappe, nur eine Druckseite umfassende Text im New Scientist hat in der britischen Universitäts-Szene trotz seiner Kürze mutmaßlich große Beachtung gefunden. Er enthält nichts, was den verbreiteten Befürchtungen der britischen Wissenschaftswelt angesichts eines avisierten Professors für Parapsychologie Nahrung oder auch nur eine Handhabe hätte geben können. Es ist ein Dokument, dass Bob Morris's wissenschaftspolitisches Geschick (wenn auch vermutlich erst im Rückblick) besonders deutlich macht. Ein Geschick, das er während der gesamten Zeit, in der er die Koestler Parapsychology Unit an der Universität Edinburgh leitete, immer wieder unter Beweis stellen sollte. Denn ankündigen, versprechen, in Aussicht stellen kann man Beliebiges – gemessen aber wird man letztlich doch an der praktischen Umsetzung, an der alltäglichen universitären Lehr- und Forschungspraxis. Die Ernennung von Bob Morris zum ersten Inhaber der Koestler-Professur für Parapsychologie sollte sich in jeder Hinsicht als Glücksgriff erweisen – für die Universität, für die britische Psychologie, für die gesamte Universitätskultur auf der britischen Insel und nicht zuletzt für die Parapsychologie. Bob Morris hat seit 1985 viel mehr als nur eingehalten, was er in diesem kurzen Text für den New Scientist ja einstweilen nur vage ankündigt. Während der fast zwei Jahrzehnte, die inzwischen vergangen sind, hat er die formulierten Forschungsziele bei weitem übererfüllt und selbst wohlmeinende Prognosen übertroffen. Methodologisch umsichtig (vgl. Morris 1975b; 1978; 2001a; Schmidt, Morris and Rudolph 1986), wissenschaftsphilosophisch klarsichtig (Morris 1987; 2001b) und soziologisch weitsichtig (Morris 1989; 2000) hat er sich der selbstgesetzten Aufgaben und gesteckten Ziele angenommen und dabei nicht zuletzt auch eingehend über die Rolle und die Verantwortung des akademischen Lehrers in einem schwierigen Gebiet wie der Parapsychologie (Morris 1999b) und das komplizierte Verhältnis seines Faches zu den anderen Disziplinen nachgedacht (Morris 1987; 1989; 2002). Den im New Scientist angesprochenen Fragen der Sicherung gegen Fremd- und Selbstbetrug (Morris 1986a; Wiseman and Morris 1995a) hat er sich mit seinen Schülern und Mitarbeitern ebenso intensiv gewidmet, wie der Etablierung von Evidenzkriterien (Morris 1986b) und den Fragen der "Interaktion" zwischen Mensch und Maschine (Morris 1984; 1986c; 1999a), mit denen er sich schon früh in seiner Karriere besonders befasst hatte. Mit Ko-Autoren sind in seiner Zeit als Inhaber des Koestler-Lehrstuhls zudem zwei Bücher entstanden (Edge et al. 1986; Wiseman and Morris 1995b), die beide Lehrbuch-Charakter haben. Liebenswürdig im Ton, aber kompromisslos in der Sache wusste er sich auch stets mit den selbsternannten externen Kritikern der Parapsychologie auseinanderzusetzen (etwa Morris 1980; 1982). Über Bob's einzigartige
Qualitäten als Lehrer und Mentor vermögen seine zahlreichen ehemaligen Schüler
und Doktoranten beredt Auskunft zu geben. Niemand war wie er in der Lage, die
strengsten methodologischen Forderungen mit der sanftesten denkbaren Stimme und
dem freundlichsten Gestus vorzutragen – und das Ganze dann auch noch mit
hintersinnigen Wortspielen zu würzen. Überhaupt zählten intelligenter Humor und
ein außerordentlicher Wortwitz, der selbst in komplizierten Angelegenheiten
immer wieder in Gestalt subtiler Wortspiele zum Ausdruck kam, zu den
herausragendsten Eigenschaften seines Charakters. Diese ungewöhnliche
Kommunikationskompetenz, gepaart mit der Fähigkeit, sehr genau zuzuhören und
selbst präzise zu formulieren, sicherte ihm stets die Aufmerksamkeit seines
Gegenübers. Die Konsequenzen dieses engagierten, selbstsicheren Einsatzes
gewissermaßen vom akademischen Nullpunkt aus, die fassbaren Folgen von Bob
Morris' wissenschaftlicher Kompetenz, intellektueller Befähigung und besonderer
charakterlichen Eignung sind inzwischen sprichwörtlich: |
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Bei
seinem Tode zählte Bob Morris nicht nur zu den bekanntesten, sondern sicherlich
auch zu den anerkanntesten Wissenschaftlern Großbritanniens. Dass die
Parapsychologie in der britischen Wissenschaftswelt und an den Universitäten –
anders als überall sonst in der Welt – heute eine mindestens akzeptierte, mehr
oder weniger angesehene Disziplin ist, ist fast ausschließlich sein persönliches
Verdienst. Die Koestler Parapsychology Unit ist die aktivste und in mancherlei
Hinsicht fruchtbarste parapsychologische Forschungsinstitution der Welt. Bob
Morris hat 18 erfolgreiche Promotionen und mehr als 100 weitere universitäre
Abschlussarbeiten mit parapsychologischen Themen betreut (sieben oder acht
weitere Promotionen waren bei seinem Tod noch nicht abgeschlossen), und er war
externer Gutachter für etliche weitere Promotionen sowohl zu para- als auch zu
normal-psychologischen Forschungsfragen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen haben
alle seine Doktoranten und früheren Mitarbeiter selbst universitäre Karrieren
eingeschlagen und bilden nun ihrerseits wissenschaftlichen Nachwuchs aus. Das
hat zur Folge, dass die Parapsychologie heute an nicht weniger als zehn
britischen Universitäten akademisch integriert und in Forschung und Lehre
vertreten ist. |
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| ... und ihr Ende? | |||
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Vermutlich war es ein Glücksfall, dass wir, wie viele seiner anderen Kollegen aus aller Welt, Bob Morris wenige Tage vor seinem Tod noch während der jährlichen Tagung der Parapsychological Association an der Universität Wien sehen und sprechen konnten. Und wir waren – gewissermaßen ohne es zu wissen – privilegiert, hatten wir doch wieder einmal Gelegenheit, zwei Abende lang für einige Stunden fast allein mit ihm zusammen zu sitzen, Vergangenes, Aktuelles und vermeintlich Künftiges, Wissenschaftliches und Privates, mit ihm zu diskutieren und gemeinsame Pläne zu schmieden. Ein Besuch bei ihm und seiner Familie in Edinburgh war verabredet. Er freute sich auf seine nächste Reise nach Bali, wo er zusammen mit dem amerikanischen Philosophen Hoyt Edge, mit den Gegebenheiten des Landes und der Kultur seit vielen Jahren intim vertraut (vgl. z.B. Edge 1998), ein kulturvergleichendes DMILS-Forschungsprojekt betreute, zu dem auch bereits eine erste Publikation vorliegt (Edge et al. 2003). Auch um seine Nachfolge auf dem Koestler-Lehrstuhl wolle er sich beizeiten bemühen, und er habe da einige Ideen. Aber dazu, so glaubte er, habe er ja noch drei Jahre Zeit. "Do come to Edinburgh again. And come soon," war das letzte, was Bob bei der Verabschiedung in Wien sagte. Eine Woche später waren wir dort. Zu seiner Beerdigung. Die Parapsychologie verliert mit Bob Morris einen klugen, ja, ihren bei weitem einflussreichsten Diplomaten; die britische Wissenschaft einen Repräsentanten, dem es gelungen ist, Augen zu öffnen und Bewußtsein für ungewöhnliche Fragestellungen zu schärfen; seine Familie – Bobs Frau Joanna und seinen erwachsenen Zwillingstöchtern Vanessa und Lila gilt unsere besondere Anteilnahme – den Ehemann und den Vater; und wir einen persönlichen Freund und Vertrauten. Vermissen werden Robert Morris alle auf ihre eigene Weise. Geschätzt aber hat ihn jeder für seine Fähigkeit, all die vorstehend geschilderten Eigenschaften und Begabungen in einer Person ganz unaufdringlich zu vereinen. Was er allen bedeutet hat, hat sein Schüler Peter Lamont während der Trauerfeier am 19. August in Edinburgh trefflich formuliert: "Bob made us think, and he made us laugh, often at the same time." |
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Fußnote |
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Bildunterschrift |
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Robert L. Morris (1942-2004) – eines der letzten Fotos, aufgenommen während eines Empfangs im Wiener Rathaus wenige Tage vor seinem Tod. (Foto: Schriever/Hövelmann) |
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Literatur |
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Bem, D.J.; Honorton, C. (1994): Does psi exist? Replicable
evidence for an anomalous process of information transfer. Psychological
Bulletin 115, 4-18. |
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